3. Montessori-Pädagogik an der Anna-Schmidt-Schule

Die Montessori-Erziehung – eine Tradition an der ASS

Im August 1951 wurde an der ASS ein Montessori-Kinderhaus eröffnet, dem sich schon fünf Jahre später eine Montessori-Grundschule anschloss. Diese erhielt im Jahre 1959 den Status einer staatlich anerkannten Schule. Seit August 1999 bietet nun auch das Gymnasium in jeweils einer der Klassen 5-9 Unterricht an, in denen die pädagogischen Gedanken und Prinzipien Maria Montessoris einfließen.

 

Die Anna-Schmidt-Schule hat es sich zur Aufgabe gemacht, die langjährige Tradition der Erziehung nach Maria Montessori lebendig zu halten und in die Praxis umzusetzen – jedoch nicht als einzige Methode, sondern als Herausforderung zu immer neuem Nachdenken über das Kind und seine Erziehung.

 

Montessori-Erziehung in unserem Kinderhaus

Seit seiner Gründung bildet die Montessori-Pädagogik die Grundlage des Konzepts des Kinderhauses. Wir möchten das Kind ganzheitlich erziehen und bilden. Dies bedeutet, das individuelle Kind in seiner emotionalen Entwicklung, seiner sozialen Kompetenz und seinen kognitiven Fähigkeiten zu beobachten, es anzuregen, zu beraten und zu fördern. Dem Kind wird Zeit und Raum gegeben, sich selbst und seine Bedürfnisse wahrzunehmen. Dies geschieht durch einen gleichmäßigen für das Kind überschaubaren Tagesablauf, durch die vorbereitete Umgebung, das Material und die Haltung der Erzieherin. In der vorbereiteten Umgebung ist der Gruppenraum so gestaltet, dass das Kind tätig werden kann.

Klassisches Montessori-Material, Zusatzmaterialien wie Bücher, Puzzle und Material zum kreativen Gestalten, fordern das Kind auf, selbsttätig zu hantieren. Selbstverständlich zeigt der Erzieher dem Kind den Umgang mit neuem Material und regt es an, sich selbstständig und variationsreich damit auseinander zu setzen. Ebenso lernt das Kind, soziale Beziehungen aufzubauen. Dies kann beim Spiel mit einem oder mehreren Kindern geschehen oder im Morgenkreis mit der gesamten Gruppe. Die Bewegung spielt eine zentrale Rolle im Gruppenalltag. Montessori Materialien berücksichtigen den Wunsch des Kindes nach Bewegung. Dies geschieht durch vielfältige Formen: Das Kind bewegt sich, um Material zu holen, damit zu hantieren, es zurückzustellen. Das Kind kann sich dabei am Tisch oder auf dem Boden auf einem Arbeitsteppich beschäftigen. Dabei lernt das Kind seine Koordination zunehmend zu verfeinern, willentlich zu steuern und durch die Bewegungen genauer wahrzunehmen. Grob- und Feinmotorik werden geschult. Dem natürlichen Bewegungsdrang des Kindes wird auch der Aufenthalt auf der Terrasse gerecht. Die Kinder der Gruppenräume im ersten Stockwerk können frei bestimmen, wann sie ins Freie gehen möchten.

Alle Gruppen benutzen täglich das Außengelände des Kinderhauses. Gemessen an den Öffnungszeiten, können sich die Kinder ausreichend lang im Freien, in einer weitgehend unstrukturierten Umgebung, bewegen.

 

Den großen Bewegungsraum nutzen wir auch für das Angebot des täglichen Frühturnens zwischen 8.15 Uhr und 9.00 Uhr. Hier betreut ein Erzieher gruppenübergreifend bis zu 20 Kinder. Im Sinne Montessoris können die Kinder sich die vorhandenen Bewegungsmaterialien, wie z. B. Bälle selbst aussuchen und alleine, mit einem Partner oder in einer Kleingruppe, spielen. Zusätzlich leitet der Erzieher zu Spielen an und gibt den Kindern damit Anregung. Aufgabe einer Montessori-Erzieherin ist es, die Kinder zu befähigen, sich in vielen Situationen selbsttätig mit den Materialien und gleichwohl mit anderen Kindern auseinander zu setzen. Die Bitte an den Erwachsenen lautet nach Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun“. Diese nicht-direktive Methode führt die Erzieherin dazu, das Kind individuell wahrzunehmen, gezielte Hilfe zu bieten, um geeignete Aufgaben vorschlagen zu können. Die Beobachtung des Kindes ist die Voraussetzung für unsere pädagogische Arbeit. So können Kinder verschiedenster Begabungen gefördert werden.

Wesentliche Grundlage für gelingende pädagogische Arbeit zum Wohl des Kindes ist das Vertrauen zwischen Eltern und Erziehern. Daher legen wir großen Wert auf Elternarbeit. Wir bieten zum „Tag der Offenen Tür“ Hospitationen, Führungen und Gespräche über unser Konzept an. Alle Eltern, deren Kinder ins Kinderhaus aufgenommen werden, haben einen Termin mit der pädagogischen Leitung des Kinderhauses zum Kennenlernen des Kinderhauses. Jede Gruppe bietet zu Beginn eines jeden Schuljahres hinzukommenden Eltern neu aufgenommener Kinder die Möglichkeit, ganz besondere Fragen mit den Erziehern zu besprechen. Elternabende mit Themen der Montessori Pädagogik und Gespräche mit Eltern informieren über unsere Arbeit und machen sie transparent. Kinder stehen in Beziehung zu der realen Welt, in der Dinge und Menschen eine Rolle spielen. Auf dem Weg des Lernens, damit umzugehen, sich Menschen und Dingen immer wieder neu zuzuwenden, eigene Standpunkte allmählich zu entwickeln, Meinungen zu äußern und auch vertreten zu können und in Freiheit und Verantwortung zu leben, möchten wir das Kind begleiten.

 

Montessori-Erziehung in unserer Grundschule

Die Montessori-Grundschule umfasst 5 Klassen mit jeweils 22 - max. 25 Kindern. Jede Klasse setzt sich aus drei verschiedenen Jahrgängen zusammen und wird vom 1.-4. Schuljahr im Rahmen des Montessori-Gesamtunterrichts von dem Klassenlehrer betreut und unterrichtet. Im Fachunterricht – Sachunterricht, Sport, Werken, Religion, Musik, Englisch – werden die Kinder jahrgangsbezogen unterrichtet. Dies muss nicht unbedingt durch den Klassenlehrer geschehen. Wöchentliche Absprachen und regelmäßige Arbeitstreffen gehören zur Selbstverständlichkeit im Team. Der Austausch mit den anderen Bereichen an der ASS – vor allem mit den weiteren Montessoribereichen – wird gepflegt.

 

Eine vorbereitete Umgebung

Alle fünf Klassenräume sind wohl durchdachte Arbeitsräume für die Kinder; sie gestatten Bewegungsfreiheit und geben Geborgenheit.

 

Die Materialien

Neben den Montessori-Materialien gibt es ein gut sortiertes Angebot an didaktischen Materialien. Zu allen Materialien hat das Montessori-Kollegium Aufgaben und Arbeitsaufträge erstellt. Sie sind in Anlehnung an die Hess. Rahmenrichtlinien entstanden und deutlich durch Schwierigkeitsgrade sowie nach Schuljahren gekennzeichnet.

Die Arbeit am Material wird auch weiterhin eine der wichtigsten Aufgaben des Montessori-Teams sein.

 

Die selbsttätige Arbeit des Kindes

Sie ist die vorherrschende Arbeitsform des Kindes in der Zeit von 8.00 Uhr-11.35 Uhr. Das Kind wählt jeden Morgen aus den übersichtlich angeordneten Materialien und Aufgabenstellungen selbst seine Arbeit aus. Weiterhin wählt das Kind, ob es seine Arbeit allein oder in Partner- oder Gruppenarbeit durchführen will. Die Wahl der Arbeit, der Zeit und der Sozialform fordern dem Kind täglich Entscheidungen und Disziplin ab. Damit es hiermit nicht überfordert ist, muss die Lehrerin genau beobachten und evtl. zu Hilfe kommen.

 

Lektionen

Lektionen bedeuten Unterricht in kleineren oder auch größeren Zeiteinheiten. Der Wunsch nach geführtem Unterricht ist bei den Kindern ebenso vorhanden wie der Wunsch nach selbsttätiger Arbeit.

Das harmonische Zusammenspiel beider Arbeitsformen trägt wesentlich zu einem guten Klassenklima bei.

 

Lektionen können erteilt werden:
  • für die ganze Klasse
  • für einen der drei Jahrgänge
  • für eine altersgemischte Gruppe mit einem gemeinsamen Interesse
  • für ein Kind allein, um es speziell zu fördern und zu fordern.

 

Förderung der verschiedenen Begabungen

In einer Montessoriklasse besteht in hohem Maße die Möglichkeit, sowohl Lerndefizite bei Kindern zu vermindern, wie auch Kinder mit punktuellen Begabungen oder gar Hochbegabung zu fördern. Die Entwicklung der gestellten Förderung der letztgenannten Gruppe wird in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.

 

Freiheit und Disziplin

Es gehört mit zu den Hauptaufgaben in einer Montessoriklasse Freiheit und Disziplin in Einklang zu bringen. Kinder und Lehrer sind hier täglich gefordert.

 

Bei der Umsetzung wirken sich immer wieder hilfreich aus:
  • eine geordnete Umgebung
  • die Rhythmisierung des Schultages
  • die Einhaltung der Schulregeln
  • die konsequente Sanktionierung bei Missachtung und Verstößen
  • die Vorbildfunktion des Lehrers
  • die Selbstregulierung der Gruppe, indem die „Kleinen“ von den „Großen“ lernen und reguliert werden.

 

Teammodell

Um in der pädagogischen und didaktischen Diskussion aktuell zu bleiben, treffen sich in der Grundschule und der Montessori-Grundschule die Lehrer zu regelmäßigen Arbeitstreffen. In der Montessori-Grundschule finden zum Beispiel alle 2 Wochen Sitzungen statt, in denen gemeinsame Arbeitsmaterialien neu erstellt oder alte Materialien erneuert werden. Außerdem werden pädagogische Themen diskutiert, gegebenenfalls schriftlich festgehalten, damit sie von allen Montessori-Lehrern praktiziert werden können.

 

Montessori-Arbeit in der Sekundarstufe

Die Montessori-Arbeit in Kinderhaus und Grundschule ist seit vielen Jahren eingeführt und sehr erfolgreich. Daraus ergibt sich die Forderung, die Erziehung zur Selbsttätigkeit im Sinne Maria Montessoris im Gymnasium fortzuführen, um begonnene Ansätze auszubauen und es den Schülern zu erleichtern, sich in der neuen Schulform zurechtzufinden. Es ist aber nicht nur der Gesichtspunkt der Kontinuität, der Montessori-Arbeit am Gymnasium rechtfertigt und sinnvoll macht, sondern die Ideen Montessoris können dabei weiterhelfen, den gewachsenen Anforderungen der heutigen Zeit an Schüler und Lehrer gerecht zu werden. Es geht längst nicht mehr nur um Wissensvermittlung, im Gegenteil, Unterricht muss vor allem verständnisorientiert sein, nicht nur wissensbezogen. Es genügt nicht, den Forderungen des Lehrplans entsprechend vielerlei Kenntnisse zu vermitteln, sondern es muss gesichert sein, dass die Schüler den Stoff wirklich verstehen, in ihrem Verstand ordnen und in ein vorhandenes Wissenssystem integrieren können, damit er sinnvoll nutzbar gemacht und auf neue Probleme übertragen werden kann. Junge Menschen müssen sog. Schlüsselqualifikationen wie eigenverantwortliches Denken und Handeln, Denken in Zusammenhängen, Methodenkompetenz, Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit, aber auch soziale Kompetenzen, die sie zur Teamarbeit befähigen, erwerben. Selbsttätigkeit, Verständnisorientierung, partnerschaftliches Lernen aber sind Grundsätze, die die Montessori-Pädagogik prägen. Deren Umsetzung macht freie Arbeitsformen, die im Mittelpunkt jeder Montessori-Einrichtung stehen, zwingend. Freiarbeit ist bei Montessori Prinzip, Ausgangspunkt der Schulorganisation, fest im Schulalltag integriert und institutionalisiert. Freiarbeit bedeutet nicht inhaltliche Beliebigkeit, sondern Beschäftigung mit einem der Entwicklungsphase angemessenen Gegenstand in einer vom Lehrer pädagogisch-didaktisch verantwortlich vorbereiteten Umgebung. Sie ermöglicht selbsttätige Erarbeitung von Sachverhalten, Vertiefung von im Fachunterricht erworbenen Kenntnissen. Freiarbeit und Fachunterricht sind somit vernetzt. In der Freiarbeit kann inhaltlich auch über die Angebote der Jahrgangsstufe hinausgegangen werden, so dass besonderen Begabungen Rechnung getragen werden kann. Diese Unterrichtsform gibt den Schülern eine Mitverantwortung für die Gestaltung des Lernens, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit für den Lehrer, der hier nicht belehrt, sondern Lernprozesse zu individueller Beobachtung und Förderung organisiert. Freie Arbeit ermöglicht konzentriertes Arbeiten über einen längeren Zeitraum, fördert so das Lernen im Zusammenhang und begegnet der Zersplitterung der Lerneinheiten durch die Aufteilung des Schulmorgens in 45-Minuten-Zeiteinheiten.

 

Freie Arbeit bringt aber auch die Erfahrung mit sich, dass Mitschüler nicht Konkurrenten, sondern auch Lernpartner sind. Sie ermöglicht es, sich gegenseitig zu unterstützen und trägt so auch zum Erhalt der Lernfreude bei.

Freie Arbeit in den Montessoriklassen der Jahrgangsstufen 5 und 6 ist institutionalisiert und unterstützt durch ihre Form und die personell verstärkte Begleitung eine individuell differenzierte Förderung der Kinder zur Sicherung des Lernerfolgs. Im weiteren Verlauf werden sich die Akzente zugunsten von Projekten und Gemeinschaftsaufgaben verschieben müssen. Es geht auch in der Sekundarstufe darum, eine allseitige, ganzheitliche Menschenbildung zu verfolgen, ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand, um einen Menschen zu erziehen, der nicht nur frei und selbstbestimmt, sondern auch bereit und in der Lage ist, die Verantwortung für Mitmenschen und Umwelt zu übernehmen.